Will ich überhaupt Kinder?

“Will ich überhaupt Kinder?” - Diese Frage habe ich mir viel zu spät gestellt. Und genau deshalb gibt’s diese Plattform. Weil ich mir vor 20 Jahren gewünscht hätte, dass kinderfrei zu leben als echte Option mehr sichtbar gewesen wäre.

Ich war 19 Jahre alt, als ich das Gymnasium abgeschlossen habe. Mein Leben stand vor mir, ich würde studieren gehen, ins Arbeitsleben einsteigen, all die Reisen machen, die ich mir erträumte… Doch ein Gedanke nagte stetig an mir. Der Gedanke, dass ich irgendwann Mutter werden würde. Mit spätestens mit 32, so dachte ich, muss das erste Kind kommen, sonst ist es zu spät.

Blockade im Kopf

Das heisst, mir blieben noch 13 Jahre, in denen ich mein Leben geniessen kann, bis es dann ernst wird. 13 Jahre, in denen ich all die Dinge erledigen muss, die ich mir vorgenommen habe. Von Studium bis zu Karriere, von der Australienreise bis zur USA-Rundfahrt. In meinem tiefsten Inneren war mir bereits mit 19 klar; ab dem Zeitpunkt, an dem ich Mutter werde, ist mein Leben vorbei - zumindest für sicher 20 Jahre, bis die Kids dann aus dem Haus sind. Dass das ein klares Zeichen dafür war, dass ich kinderfrei bleiben wollte, war mir nicht bewusst. Ich wusste nicht, dass das eine echte Option ist!

Mir fehlten kinderfreie Vorbilder. In Filmen und Büchern ist das Standard Ende immer noch; heiraten, Kinder kriegen, dann happily ever after...

Nicht nur Vorbilder fehlten mir. Auch schlicht das Bewusstsein dafür, dass es noch andere Lebensentwürfe gibt, als jenes mit Familie, Kind und Reiheneinfamilienhaus. Ich habe mir die Frage “Will ich überhaupt Kinder?” nie wirklich gestellt. Ich adaptierte lange auch das Narrativ, dass Kinderfreie irgendwie komisch sind. “Was, die ist 40 und hat keine Kinder? Ja, das erklärt, warum sie so kühl und seltsam ist. Die Mutterschaft hätte ihr gut getan.” - Ja wirklich, so dachte ich!

Zum Glück habe ich dann irgendwann mit 30 die Kurve gekriegt. Und als ich mich dann endlich bewusst für ein kinderfreies Leben entschieden habe, ist mir ein riesiger Steinbrocken vom Herz gefallen. Mehr zu meiner Entscheidung lesen: Befreiungsschlag.

Sichtbar machen

Wie Jrene in ihrem schönen Text “Kinderfreie, wo ist eigentlich euer Problem?” schreibt: Kinderfreie wollen gesehen werden - und sollen umgekehrt sichtbar sein! Für Mädchen und junge Frauen, die sich von ihrem vermeintlich vorgesehenen Lebensweg unter Druck gesetzt fühlen. Die sich nicht wohl fühlen in der Mutterrolle, welche sie irgendwann einnehmen sollen. Die sich fragen, ob es einen anderen Weg gibt als den, der vielleicht von ihren Eltern vorgelebt wurde. Die so dachten wie ich damals.

Und das ist meine Hauptmotivation, warum ich hier mache, was ich mache. Warum ich mich während des Lockdowns mit Jrene ausgetauscht habe und wir diese Plattform gegründet haben. Warum ich mich öffentlich dazu äussere und mich den negativen Kommentaren von Svens und Retos aussetze, die finden, ich sei eine egoistische Sozialschmarotzerin (Lesetipp dazu: Widersetze ich mich der gesellschaftlichen Verantwortung?).

Ja, es geht um Aufmerksamkeit. Das ist nichts Negatives.

Nicht bekehren - Optionen aufzeigen!

Nein, wir wollen mit unserem Engagement niemanden vom Kinderkriegen abhalten. Ich glaube, wenn man einen Kinderwunsch hat, braucht es mehr als zwei Frauen, die im Internet ab und zu mal was übers kinderfreie Leben schreiben, um jemanden davon abzuhalten, sich diesen Wunsch zu erfüllen!!

Aber ich hätte mir viel Stress und Leid ersparen können, wäre mir früher bewusst gewesen; nein, ich muss keine Kinder kriegen, um ein schönes Leben zu geniessen und eine vollwertige Frau zu sein. Ich muss keine Familie gründen, um nicht alleine zu sein. Ich muss keine Kinder auf die Welt bringen, damit meine Eltern beschäftigt sind. Ich muss keine Mutter werden, um Liebe empfinden zu können. Und nein, ich bin nicht alleine.

 
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Kinderfreie, wo ist eigentlich euer Problem?