Kein Anlass zur Romantisierung
Die Geschichte von Sandra
Ich konnte mir nie vorstellen, Kinder zu haben, wenngleich ich es nicht von vornherein ganz verwarf. Ich dachte, es müsse nur "der Richtige" auftauchen und dann würde das schon werden.
Und tatsächlich: "der Richtige" lief mir über den Weg, als ich 34 war. Ich verliebte mich Hals über Kopf. Nur: Er war junggebliebene 52 Jahre alt, ein gestandener, bodenständiger Single, der nicht vorhatte zu heiraten und schon gar nicht eine Familie zu gründen. Als die Beziehung scheiterte, begann ich meine erste Therapie. "Warum bedeutet Ihnen dieser Mann so viel?", fragte meine Therapeutin schon in der ersten Sitzung. Denn ich war am Boden zerstört und sah keinen Sinn in meinem Leben. Nach und nach arbeiteten wir heraus, dass ich einem Realitätsverlust aufgesessen war.
Von der Oma abgekommen
Ich benutzte ihn, um mich selbst zu verleugnen. Der Mann da war in Wirklichkeit aber ein Vorbild für mich gewesen, dem nachzueifern ich mich nicht traute. Ich wollte so sein wie er: Single, stark, unabhängig, dachte aber, das gehöre sich nicht für eine Frau. Das zeigte mir meine damals schon 80-jährige Therapeutin auf. Ihr Fazit überraschte mich, denn ich hatte selbst eine starke, unabhängige Oma als Vorbild und Bezugsperson gehabt. Eine, die aus freien Stücken nie geheiratet hatte und das zu einer Zeit und in einer Umgebung, in der sie sehr viel Ächtung dafür einstecken musste. Sie hatte mir beigebracht:
„Egal, was die anderen denken; Geh du deinen Weg. “
Ich schien von diesem Weg abgekommen zu sein. Keine Ahnung wieso. Vielleicht waren es die Medien, die Verwandten oder weiss der Himmel was für Glaubenssätze, die mir eingebläut hatten, dass eine Frau ohne Mann und Kind schlicht zu nichts zu gebrauchen wäre. "Jeder Baum bringt irgendwann Frucht, ansonsten wird er gefällt", redete mir einst ein entfernter Bekannter ins Gewissen. Das hatte offenbar gesessen.
Inzwischen bin ich 50 und ich habe wieder zu meiner Oma zurückgefunden. Wenn andere mich schräg anschauen, weil ich weder Partner noch Kinder habe, zucke ich mit den Schultern. Meine Oma war stets zur Stelle, wenn man sie in der Nachbarschaft zu Hilfe rief, egal, ob eine Kuh gerade kalbte oder sie bei der Ernte aushelfen musste - der Dienst am Nächsten, wie sie es nannte, kam zuoberst. So erzog sie meine Mutter und auch mich. Der Radius endet nicht bei den eigenen Genen - vielen anderen Mitmenschen kann man fürsorglich beistehen. Die Welt ist gross und jede Frau, jeder Mensch ein Segen, der sich nicht auf die Biologie reduzieren lässt.
Der grosse Schritt zum Anderssein
Auch nach der Geburt meiner Mutter bekam meine Oma viele Heiratsanträge - wie sollte es eine Frau auch alleine schaffen, ein Kind grosszuziehen, so war die Denke damals. Sie hat alle abgelehnt. Sie war für meine Begriffe ein grossartiges Vorbild an Selbstbestimmung und Eigensinn. Und auch das ist tief in mir drin. Dieser grosse Schritt hin zum Anderssein. Er kommt nicht von ungefähr. So viele Frauen sterben noch heute im Kindsbett, müssen mit ihrer Gesundheit für sämtliche Folgen von Schwangerschaft, Geburt und Mutterschaft haften, und zwar bis zuletzt: Eileiterschwangerschaft, Gehirnverkleinerung, Persönlichkeitsveränderung, Gebärmutterriss, Verbluten, Gewalt im Kreissaal, Stillen, langfristige hormonelle Umstellungen - die Liste der Folgen und Komplikationen liesse sich noch lange fortsetzen. Kein Anlass zur Romantisierung.
Realität vs. romantisierte Vorstellung
Das eine ist also die Vorstellung, wie sie hollywoodreif in den Medien erscheint und man sie sich auch als Frau ausmalt. Das andere ist die bittere Realität dessen, was einen erwartet, wenn da ein Fötus sich ankündigt. Auch ich hatte das Ganze durch die rosarote Brille gesehen. Deshalb war ich so enttäuscht, dass die Beziehung auseinanderging, als ich endlich Mr. Right für die Familiengründung gefunden zu haben schien. Mr. Right war er, aber nicht so, wie ich es wollte. Er hat mir einen besseren Weg gezeigt. Er hat mir zu einem besseren Selbst verholfen.
Rückblickend denke ich, dass mir Menschen gefehlt haben, mit denen ich über dieses Thema sprechen konnte. Ich dachte, ich müsse eine Beziehung und ein Kind haben, um normal zu sein. Und dass der fehlende Kinderwunsch nur eine Laune wäre, nichts Ernstzunehmendes. Aus diesem Grund finde ich Webseiten wie diese wichtig. Damit jungen Frauen heute der Druck genommen wird und sie erfahren können: Es ist o.k., kinderfrei zu leben.
„Das Leben ist reich an Sinnmöglichkeiten. Kinderkriegen ist eine von unzähligen Optionen, aber ganz sicher nicht die einzige.“
Danke 1000 Sandra, dass du deine Geschichte mit uns teilst!
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Schreib uns auf info@kinderfrei-leben.ch oder füll das Formular aus.
Sandra
“Es geht darum, zu sich zu stehen und darum nicht zu versuchen, die eigene Wahrheit durch Romantisierung zurechtzubiegen, aus Angst vor Ablehnung und nicht dazuzugehören.”

