Regretting Motherhood

Was ist noch tabuisierter als keine Kinder zu wollen? Kinder zu haben und zu sagen: “Ich bereue es”. Doch auch das gibt es. Das Phänomen heisst Regretting Motherhood und kommt häufiger vor, als man denkt.


Kinderfreie Personen werden häufig gefragt, ob sie denn nicht Angst haben, irgendwann zu bereuen, keine Kinder zu haben (siehe Artikel). Doch selten wird die Frage andersrum gestellt. Denn man geht automatisch davon aus, dass alle Mütter happy sind in ihrer Rolle. Denn schliesslich regelt der Mutterinstinkt das schon und die Mutterliebe geht ja über alles. So einfach ist es leider nicht.

#regrettingmotherhood

Die israelische Soziologin und Geschlechterforscherin der Uni Tel Aviv, Orna Donath, hat 2015 eine Studie und ein dazugehöriges Buch veröffentlicht, das wie eine Bombe eingeschlagen ist. Sie hat 23 Mütter interviewt, die es bereuen, Kinder bekommen zu haben. Allen gemeinsam ist; sie lieben ihre Kinder, aber sie möchten keine Mütter sein. Und es sind nicht Mütter, die temporär überlastet sind und eine Pause brauchen - das Gefühl der Reue ist langfristig und klar.

23 Mütter klingt nach wenig… Doch; wie bereits erwähnt, ist das Thema mit viel Tabu und Scham behaftet. Welche Frau gibt schon offen zu, dass sie es bereut, Mutter geworden zu sein. Wer möchte schon mit diesem Backlash umgehen?! Der Hashtag #regrettingmotherhood hat in den Sozialen Medien - vor allem X ehemals Twitter - hitzige Diskussionen ausgelöst. Doch was sagen die Zahlen? Ist es wirklich so ein Randphänomen?

20% der Mütter wären lieber kinderfrei

2016 hat YouGov in Deutschland eine repräsentative Studie durchgeführt.

  • 8 % der befragten Mütter bestätigten, dass sie die Entscheidung für Kinder bereuen.

  • 20 % der Mütter stimmten der Aussage zu: „Ich liebe meine Kinder, aber ich wäre lieber kinderlos, wenn ich noch einmal entscheiden könnte.“

  • Und obwohl man immer von regretting motherhood spricht; 19% der Väter gaben an, es zu bereuen, Kinder bekommen zu haben.

Die angegebenen Gründe sind vielfältig, aber die am häufig genanntesten sind: Einschränkung in der persönlichen Entfaltung, fehlendes Betreuungsangebot und schlecht für die Karriere (Quelle: yougov.com). Schätzungen gehen davon aus, dass die Zahlen in der Schweiz ähnlich aussehen.

Regretting Motherhood ist nicht einfach ein aufgebauschtes Internet-Thema, das auf ein paar individuelle Personen zutrifft. Es ist ein weltweites Phänomen, das Millionen von Frauen (und Männer) betrifft.

Gesellschaftliche Erwartungen

Ich glaube, das Hauptproblem liegt in der Erwartung, die unsere Gesellschaft ans Mutter- resp. Elternsein hat. Diese Mär vom biologischen Mutterinstinkt, der vermeintlich unendlichen Mutterliebe, der Glaube, dass Kinder das Glück auf Erden und die Erfüllung unserer Träume sind, der Druck, dass Kinder eine unersetzliche Zutat für ein erfülltes Leben sind… Diese Glaubenssätze sind schlicht falsch oder zumindest nicht allgemein und für jede*n gültig. Hierzu empfehle ich das Buch “Mythos Mutterinstinkt” von Annika Rösler und Evelyn Höllrigl Tschaikner (siehe Buchtipps).

Ist es nicht paradox, dass wir davon ausgehen, dass man Kinderfreiheit irgendwann bereut - und gleichzeitig Menschen dafür verurteilen, wenn sie den anderen Weg wählen und merken, dass das nicht der Richtige war?

Ohne Kinder gilt man als unvollständig und egoistisch, hat man Kinder und bereut es, ist man eine undankbare Rabenmutter (interessant, dass es kein männliches Äquivalent dafür gibt ;))

Reue ist ein komplexes Gefühl - meist ist sie nicht antizipierbar. Wer weiss schon, was man in Zukunft bereuen wird und was nicht? Schlussendlich sollten wir im Hier und Jetzt auf uns und unseren Bauch hören. Daher; wer keinen Kinderwunsch verspürt, sollte sich nicht gedrängt fühlen, welche zu haben. Weder von der Familie noch von der Gesellschaft. Es muss normal sein, zu sagen; “Nein, ich will keine Kinder” - genauso wie es ok sein muss, zuzugeben, dass man eine Entscheidung bereut - egal in welche Richtung - und die entsprechende Unterstützung erhalten.


Nadine

Seit 2019 bewusst kinderfrei und zufrieden mit der Entscheidung.

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