Ich bin die Mutter meiner Mutter

Die Geschichte von Felizitas

Nein, ich habe keine Kinder und trage somit nicht zum Fortbestehen der Gesellschaft bei. Bin ich deshalb egoistisch und unsozial? Weil ich keine Kinder großziehe, um die ich mich kümmere und sorge? Werde ich als Frau nur wertgeschätzt, wenn ich meiner Aufgabe als Mutter nachkomme?

Ich habe bewusst keine Kinder und trotzdem leiste ich einen sozialen Beitrag in unserer Gesellschaft, denn ich bin zur Mutter meiner Mutter geworden.

Rollator statt Dreirad

In den letzten fünf Jahren hat meine jetzt 90-jährige Mutter kognitiv wie körperlich immer stärker abgebaut. Ihr Bedarf an Hilfe wurde Stück für Stück mehr: Aus gelegentlichen Fahrten zum Arzt wurde die wöchentliche Begleitung zum Einkauf, aus dem Vorlesen kleingedruckter Briefe die Übernahme der gesamten Korrespondenz mit Behörden, Versicherungen und anderen Stellen.

Es ist nicht mehr meine Mutter, die mich fragt, ob ich denn genug esse - ich bin es, die sie daran erinnert, mehr zu trinken. Ich wasche ihre Wäsche, trage den Müllbeutel mit Inkontinenzprodukten zur Tonne, koche am Wochenende Essen zum Aufwärmen vor, versorge die Verletzung am Zeigefinger, rufe mehrmals am Tag an, ob alles in Ordnung bei ihr ist. Statt Dreirad und Spielzeug zu kaufen wie andere Mütter, besorge ich einen Rollator und eine Demenzuhr. Ich tröste meine Mutter, wenn sie einen schlechten Tag hatte, sich einsam fühlt oder darunter leidet, wie ihr Kräfte und Fähigkeiten schwinden.

Unsichtbare Carearbeit

Ich tue all das, was eine Mutter tut, nur ist meine Carearbeit unsichtbar. Ich arbeite Vollzeit und pflege meine Mutter "nebenbei" - oftmals ein Spagat. Wie eine Mutter bin auch ich müde, mache mir Tag und Nacht sorgen, kenne nur selten einen freien Feierabend oder ein freies Wochenende. Urlaub ist inzwischen kaum mehr möglich, denn dazu bräuchte ich jemanden, der sich um meine Mutter kümmert.

Meine Mutter ist aber wie ein trotziges Kleinkind, dass nur von seiner Mutter umsorgt werden möchte oder eben von ihrer Tochter. Oft bin ich erschöpft als Tochter in der Mutterrolle. Nur dass ich weder Elternzeit noch Elterngeld bekomme für meine Carearbeit.

Die Entlastungen und Hilfen für Pflegende sind ein Witz, weil quasi nicht vorhanden.

Die gesellschaftliche Anerkennung sollte nicht nur für die Erziehung von Kindern, sondern auf für die Pflege von Angehörigen gelten. Auch als Mutter meiner Mutter begleite ich einen Menschen auf seinem Lebensweg, nur dass es das letzte Stück des Weges ist. Ich sehe nicht, wie ein kleiner Mensch selbstständig wird, sondern wie ein alter Mensch immer abhängiger und gebrechlicher wird. Hätte ich jedoch selbst Kinder, wäre meine Mutter im Pflegeheim.

Nur weil ich kinderfrei bin, habe ich die zeitlichen, finanziellen und Energieressourcen, um meine Mutter zu pflegen.

Vielen Dank, dass du diese Geschichte mit uns teilst.

Möchtest du auch deine Geschichte oder deine Gedanken zum Thema kinderfrei teilen?
Schreib uns auf
info@kinderfrei-leben.ch oder füll das Formular aus.


Felizitas

möchte anonym bleiben - der Name ist frei erfunden.

Teile auch du deine Geschichte

Teile auch du deine Geschichte

 
Gastautor*in

Danke liebe Gastautorin, lieber Gastautor, dass du deine Geschichte mit uns teilst. Möchtest auch du, liebe Leserin, lieber Leser deine kinderfreie Geschichte hier lesen? Dann melde dich bei uns.

Weiter
Weiter

Regretting Motherhood